Interview: Wie ist es, ein Jahr lang mit bedingungslosem Grundeinkommen zu leben?

November 2018. Britta arbeitet gerade als Verkäuferin auf dem Kölner Weihnachtsmarkt, ein Saisonjob von vielen in ihrem Leben. Sie mag es, in kurzen Beschäftigungen angestellt zu sein, die Freiheit ist ihr wichtiger als ein sicherer Job.
So sitzt sie in ihrer Hütte, umhüllt von Glühweindämpfen der Stände ringsum, als sie die Nachricht erhält: Sie hat bei einer Verlosung des Vereins Mein Grundeinkommen gewonnen, der Gewinn: Zwölf Monate lang wird sie ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) erhalten, 1.000 Euro jeden Monat.
Wie das BGE die Sicht auf Brittas Leben gewendet hat, wofür sie das Geld verwendet hat und was sich in diesem Jahr für sie geändert hat, erzählt sie im Interview.

Britta, bezieht seit fast einem Jahr ein bedingungsloses Grundeinkommen
Britta, im Sommer nachdem sie das Grundeinkommen gewonnen hat
© Cora Trinkaus

Magst du kurz etwas über dich erzählen?

Na klar. 🙂
Ich heiße Britta und bin 38 Jahre. Zurzeit sehe ich mich als Allrounder, der „mal hier und mal da“ in kurzzeitigen Jobs arbeitet. Dieses Jahr war es einfach und entspannt, da das Grundeinkommen meine monatliche Basis gebildet hat. Diese Verlässlichkeit zu wissen, dass jeden Monat in der ersten Woche das Grundeinkommen kommt, war so beruhigend. Wie ein guter Freund, der sich regelmäßig meldet und über den man sich jedes Mal wieder freut. Einfach wunderschön. Es hat mir die Freiheit gegeben mir die Jobs zu suchen (und auch nach meinen Wünschen mit den Arbeitgebern zu verhandeln), die ich gerne machen wollte. Nächste Woche erhalte ich das letzte Mal das Grundeinkommen, und auch danach möchte ich diese Art zu arbeiten beibehalten. Aktuell bin ich dabei, mir einen Saisonjob für den Winter zu suchen.

Was bedeutet Wohlstand für dich?

Wohlstand wird ja oft mit „Geld haben“ oder „Reich sein“ gleichgesetzt. Gute Frage… Um ehrlich zu sein, habe ich darüber noch nie so genau nachgedacht, weil mir „Geld haben“ oder „Reich sein“ noch nie wichtig waren. Ich glaube, Wohlstand bedeutet für mich, dass es mir gut geht. Dass es mir an nichts fehlt. Nicht im Überfluss leben, das meine ich damit nicht. Aber dass für die wichtigen und essentiellen Dinge im Leben gesorgt ist. Dass ich gesund bin. Dass ich zufrieden bin. Dass ich keine Existenzängste habe. Dass ich „wohl“ dastehe.

Hat sich dein Verständnis von Wohlstand durch das bedingungslose Grundeinkommen verändert? Wenn ja, inwiefern?

Da ich zuvor nicht wirklich über Wohlstand nachgedacht habe bzw. für mich keine konkrete Definition hatte, hat sich durch das Grundeinkommen so gesehen für mich auch nichts daran geändert.

Hat sich deine Sicht auf das Leben verändert? Wenn ja, wie?

Ja, schon.

Ich habe erfahren dürfen, wie viel mehr in uns steckt und raus möchte, wenn Raum, Zeit und Muße dafür da ist.

Dinge, die man im „normalen“ Arbeitsalltag oft nicht hat… Das Leben kann so viel leichter und angenehmer sein, wenn für die Grundexistenz gesorgt ist. Ich bin überzeugt, dass Systeme wie das Grundeinkommen mehr Zufriedenheit bei den Menschen hervorrufen können. Und ich bin überzeugt, dass die Menschen friedlicher miteinander umgehen würden, wenn jeder die gleiche Lebensgrundlage hätte.

Haben sich deine Prioritäten im Leben verändert?

Nein, eigentlich nicht. Die Dinge, die mir vorher wichtig waren, sind es auch während des Grundeinkommenjahres geblieben.

Hast du etwas in deinem Leben verändert?

Bewusst oder gezielt etwas verändert habe ich nicht. Aber ich habe nach ein paar Monaten Grundeinkommen gemerkt, wie ich mutiger wurde und öfter „einfach gemacht“ habe. Das ist komisch zu schreiben, denn beides traf vorher auch auf mich zu. Dennoch habe ich mir mit dem Grundeinkommen viel weniger Gedanken gemacht, sondern die Dinge „einfach gemacht“, was sicher auch auf die finanzielle Absicherung zurückzuführen ist. Zudem wusste ich ja, dass das Grundeinkommen zeitlich begrenzt ist, und irgendwann stellte sich ein Gefühl von „alles auskosten wollen“ ein. Ich glaube dadurch, dass es zeitlich begrenzt war, habe ich viele Dinge schneller entschieden als vorher vielleicht und eben „einfach gemacht“. Diese Einstellung möchte ich mir bewahren.

Weniger nachdenken, mehr „einfach machen“.

Das Leben weiter auskosten, auch ohne Grundeinkommen.

Hat sich etwas in deinem Arbeitsleben verändert?

Absolut. Das Thema „Job“ war immer schon ein großes bei mir, weil ich nirgendwo gerne lange bleiben mochte. Entweder störten mich nach einer gewissen Zeit viele Dinge, oder es wurde mir schnell langweilig, weil ich dann alles kannte und es immer das gleiche war. Schon vor dem Grundeinkommen hatte ich den Wunsch und auch versucht, kürzere Beschäftigungen zu finden. Für mich bedeutet kürzer eine Anstellung von vielleicht einem bis drei Monaten. Damit fühle ich mich wohl. Irgendwie wollte es bisher aber noch nicht so recht anlaufen, obwohl ich drei abgeschlossene Berufsausbildungen und Erfahrung in den verschiedensten Branchen habe. Für mich war klar, dass ich während des Grundeinkommens trotzdem ein wenig „dazu verdienen“ wollte. Zum einen, weil ich grundsätzlich gerne arbeite und es nichts für mich ist, nur durch die Weltgeschichte zu reisen und beispielsweise Städte anzuschauen. Zum anderen aber auch, weil 1.000,- tatsächlich gerade so ausreichten zum (Über-)Leben für mich. Ich habe immer das Gefühl mich rechtfertigen zu müssen, nur mit dem Grundeinkommen nicht hingekommen zu sein, denn auf der einen Seite sind 1.000,- viel Geld. Wenn davon auf der anderen Seite aber alleine 200,- für die Krankenversicherung abgehen, sind 800,- im Monat nicht allzu viel… Mit den Jobs, die ich während des Grundeinkommenjahres gemacht habe, habe ich beispielsweise im Vorfeld schon die Steuer und Versicherung für mein Wohnmobil rausgearbeitet, die ein oder andere Reparatur oder Investition dafür zahlen können und mir einen wunderschönen fünfwöchigen Sommerurlaub in Schweden finanzieren können. Ich habe zwei Monate auf 450,-Basis als persönliche Assistentin für eine junge Frau mit Epilepsie gearbeitet, drei Monate als Saisonkraft in einem Gartencenter (Kasse, Café, Waren verräumen) sowie einen Monat auf 450,-Basis am Fließband im Globetrotter-Lager. Das war genau nach meinem Geschmack. Einfach mal hier und mal da jobben. Das arbeiten, worauf ich gerade Lust habe. Diese Art zu arbeiten möchte ich auf jeden Fall beibehalten, auch wenn es sicher nicht der einfachste Weg ist. Aber zurück in eine normale Anstellung mit immer denselben Tätigkeiten kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt nicht vorstellen.

Britta
© Cora Trinkaus

Wofür verwendest du das bedingungslose Grundeinkommen?

Das Grundeinkommen kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Von Juni-November 2018 hatte ich eine persönliche Auszeit gemacht und zuvor Job und Wohnung aufgegeben. Ich bin von den Verkäufen meines Hausstandes und vielen anderen kleinen und größeren Geldern gereist, die aus verschiedenen Richtungen in die Reisekasse geflossen waren. Dadurch, dass das Grundeinkommen unmittelbar im Anschluss an die Auszeit in mein Leben kam (da, wo ich eigentlich wieder hätte „normal“ arbeiten müssen), war es meine monatliche Lebensgrundlage. Ich habe davon also alles bezahlt, was man von einem „normalen“ Gehalt auch zahlen würde.

Hast du auch negative Folgen wahrgenommen? (z.B. Lethargie, Überforderung)

Punktuell Überforderung, ja, und ein paar andere kurzzeitige „negative“ Gefühle, die ich unter Punkt 12 (Frage “Welche Phasen hast durchlebt, seit du das BGE bekommst?” siehe unten, Anm. d. Red.) aufgeführt habe.

Welche Phasen hast durchlebt, seit du das bedingungslose Grundeinkommen bekommst?

1. Das Gefühl zu Schweben.

Ich saß gerade in meiner Hütte auf dem Kölner Weihnachtsmarkt, auf dem ich 2018 als Verkäuferin gearbeitet hatte, als die Nachricht über den Gewinn kam. Plötzlich war ich so entspannt, weil ich wusste: Wenn ich krank werde (und mir dadurch Tageseinnahmen flöten gehen), ist das nicht sooo schlimm, weil ich ja das Grundeinkommen bekomme! Vorher war da schon ein mentaler Druck, dass ich die vier Wochen (beginnend mit leichter Blasenentzündung) gut überstehen muss, weil ich das Geld brauchte. Mit dem Grundeinkommen als Rückhalt fiel es mir viel leichter, die vier (teils echt harten) Wochen durchzustehen.

2. Dankbarkeit und Demut.

Kurz nach dem Gewinn wurde mir noch einmal klar, dass das Grundeinkommen nicht vom Himmel fällt. Dass es keinen reichen Gönner gibt, der uns allen Geld schenkt. Dass nicht einfach irgendwoher ein riesiger Topf Geld gekommen ist, und jeder „darf mal“. Nein, es sind Menschen wie du und ich, die mir mein Grundeinkommen ermöglichen. Die mir die nächsten zwölf Monate finanzieren. Und das hat mich mit Ehrfurcht, Dankbarkeit und Demut erfüllt.

3. Kurzzeitiger „Größenwahn“.

Beim täglichen Einkauf im Bioladen kamen unmittelbar nach den ersten 1.000,-, die auf  mein Konto eingegangen waren, Gedanken wie „Ach, das nehm ich auch noch mit, ich hab ja grad das Geld!“ oder „Oh, das wollte ich immer schon mal kaufen. Der Preis ist immer noch ziemlich hoch, und eigentlich brauche ich es nicht unbedingt, aber warum nicht, ich hab’s ja.“ Es war ein bisschen dieses Gefühl von „Was kostet die Welt!“ – Der Schuss ging ziemlich schnell nach hinten los, weil ich diese leicht maßlose Großzügigkeit tatsächlich sehr schnell an meinem Kontostand merkte. Zum Glück war es nur eine kurze, aber interessante und heilsame Phase.

4. Überforderung in Bezug auf die Freiheit, die vor mir liegt.

Nachdem die Zeit auf dem Weihnachtsmarkt gut überstanden war und 2018 zu Ende ging, lag plötzlich ein ganzes Jahr völliger Freiheit vor mir. Ich würde jeden Monat 1.000,- Euro erhalten und könne machen, wozu ich Lust hätte. Aber wozu hatte ich denn Lust? Vor wenigen Wochen hatte ich erst mein Auto gegen ein Wohnmobil getauscht, was an sich schon Freiheit und Unabhängigkeit bedeutet. Dazu noch das Grundeinkommen – wie also möchte ich das Jahr 2019 verbringen? Was möchte ich machen? Wo möchte ich sein? Christina, die Gewinnerbetreuerin von Mein Grundeinkommen, sagte mir, dass es ganz vielen Gewinnern am Anfang so gehe. Das zu hören, war sehr erleichternd für mich.

5. Entspannung/Freude.

Als das Grundeinkommen und ich uns nach den ersten zwei Monaten langsam „angefreundet“ hatten, ging es mir sehr gut damit und es war sehr schön, diese regelmäßige Sicherheit im Hintergrund zu haben.

6. Innerer Stress/Druck.

Ich hatte so manches Mal ein Gefühl von „Die Zeit läuft, es sind nur noch 8, 5, 2,… Monate, in denen ich das Grundeinkommen erhalte.“ Ich wollte das Geld bestmöglich einsetzen und die Zeit so gut es geht nutzen. Weil mir klar war, was für ein unglaubliches Geschenk ich da erhalten hatte. Besonders bewusst wurde es mir, als im Sommer 2019 Halbzeit war, da habe ich kurzzeitig ein Gefühl von Torschlusspanik bekommen. Im Sinne von „in einem halben Jahr ist es vorbei … was kann ich bis dahin noch alles Schönes machen und erleben, und was wird danach kommen…?“

7. Die Leichtigkeit verlässt mich und Wehmut macht sich breit.

Ich merke, wie mit bevorstehendem Wegfall des Grundeinkommens auf einmal wieder ganz viel Druck da ist. Druck, um wieder Geld verdienen zu müssen. Die ganze Leichtigkeit ist wie weggeblasen. Ab jetzt geht es wieder ums „Überleben“. Darum, Jobs zu finden. Jobs, die während des Grundeinkommenjahres ein freiwilliges und Spaß machendes Zusatzeinkommen waren, werden jetzt wieder zur nötigen Existenzsicherung. Der Raum für Muße, freie Gedanken und Ideen wird weniger. Ich muss nun wieder viel Energie und Gedankenkapazität fürs „Geld verdienen“ aufbringen. Energie und Gedankenkapazität, die mir dann für meine freie Entfaltung und persönliches Erleben und Wachstum fehlt. Die Hingabe an jeden neuen Tag, dieses wundervolle „ins Leben hineinleben“, ist in der Form erstmal nicht mehr möglich.

8. Widerstand.

Ich will nicht, dass das Grundeinkommen nur noch einmal kommt! Es hat vieles so viel leichter gemacht. Warum kann es nicht weitergehen? Warum kann nicht jeder Mensch einfach jeden Monat ein Grundeinkommen bekommen? Ich will nicht wieder unter Druck Geld verdienen müssen, weil ich es zum Existieren brauche.

9. Akzeptanz und Dankbarkeit.

Ok, es ist nun wirklich das letzte Mal, dass ich das Grundeinkommen erhalte. Nun bin ich wieder auf mich selbst gestellt. Es war eine wunderschöne Zeit und ich bin unglaublich dankbar für alles, was ich in dem Jahr erleben durfte und was das Grundeinkommen mir ermöglicht hat.

Liebe Britta, vielen Dank für das ausführliche Interview und alles Gute!


Britta auf Instagram: https://www.instagram.com/alltagsherzen/ und https://www.instagram.com/natur.tier.mensch/

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