Bedingungsloses Grundeinkommen: Innere Ruhe, besseres Arbeiten und mehr Mut

Britta bezieht seit November 2018 ein bedingungsloses Grundeinkommen
© Cora Trinkaus

Ruhigerer Schlaf, eine tiefe innere Ruhe, bessere Beziehungen und mehr Mut – das sind nur einige der Auswirkungen, die Menschen mit bedingungslosem Grundeinkommen erfahren konnten.

Führt ein bedingungsloses Grundeinkommen also zu glücklichen und ausgeglichenen Menschen und damit zu mehr Wohlstand? Wie kann es helfen, Bürokratie zu reduzieren, mehr Gerechtigkeit zu erzeugen und die Grundlage für die künftige Arbeitswelt zu legen?

Micha Bohmeyer ist Gründer des Vereins Mein Grundeinkommen, der Grundeinkommen verlost. Er hat Menschen begleitet, die zwölf Monate lang ein Grundeinkommen bekommen, Britta Jacobsen ist eine davon.

Dieser Text zeigt, welche Vorteile ein bedingungsloses Grundeinkommen für die Gesellschaft hat und wieso es eine zukunftsweisende Antwort auf die Umstrukturierung der Arbeitswelt ist. Die Erfahrungen von Micha und Britta bestätigen die enormen positiven Auswirkungen auf die mentale Gesundheit und die Zufriedenheit von Menschen. Aber von Anfang an:

Was ist das bedingungslose Grundeinkommen?

Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Betrag, den alle Bürger:innen vom Staat bekommen, unabhängig von ihrer Bedürftigkeit, ihrem Job, ihrem Einkommen, Familienstatus etc. – bedingungslos eben.

Dieser Betrag ist hoch genug, um davon zu leben.

Es handelt sich hier um ein Umverteilungsinstrument, das beispielsweise durch eine Konsum-, Einkommens-, Öko- oder Finanztransaktionssteuer finanziert werden kann. Damit zahlen Menschen, die viel konsumieren oder einnehmen mehr als heute. Das Grundeinkommen sollte so gestaltet werden, dass Reiche etwas weniger haben als heute, die Mittelschicht nicht betroffen ist und die Armen gewinnen. [1]

Wie genau das Grundeinkommen ausgestaltet wird, wie hoch der Betrag ist und wie es finanziert wird ist dabei nicht festgelegt.

Das Grundeinkommen ist längst nicht mehr nur Theorie: In einigen Ländern gab es schon Experimente, so beispielsweise in Finnland, Kanada, Namibia und den USA.

In Deutschland verlost der Verein Mein Grundeinkommen 1000 € für zwölf Monate an Menschen. Die Finanzierung läuft über die Vereinsmitglieder, die freiwillig einen beliebigen monatlichen Betrag spenden, um den Verein und die Grundeinkommen zu finanzieren.

Doch wieso sollte überhaupt über ein bedingungsloses Grundeinkommen nachgedacht werden, wo wir doch ein Sozialsystem haben?

Bürokratieabbau

Das bestehende Renten- und Sozialsystem ist ein teures Bürokratie-Ungetüm. Renten und Sozialbezüge sind an unzählige Bedingungen geknüpft, die regelmäßig in aufwendigen Verfahren geprüft werden müssen. Dadurch entstehen Kosten und Frust bei allen Beteiligten. All das würde durch ein bedingungsloses Grundeinkommen wegfallen.

Antwort auf Digitalisierung & Automatisierung

Viele der Jobs, die heute noch Menschen ausführen, werden in Zukunft von Robotern übernommen. Betroffen sind oft Menschen mit niedriger Bildung, für die es besonders schwer ist, einen neuen Job zu finden.

Bedingungsloses Grundeinkommen als Antwort auf Automatisierung und Digitalisierung

Doch nicht nur Automatisierung, auch die Digitalisierung wird viele Menschen überflüssig machen. Gerade die Berufe, die durch strukturierte Abläufe gekennzeichnet sind, könnten künftig von künstlichen Intelligenzen erledigt werden. Hiervon sind Berufe aller Branchen betroffen, vom Verwaltungsangestellten bis hin zur Wirtschaftsprüferin.

Das Grundeinkommen würde die entstehenden Probleme durch das Wegfallen ganzer Berufsklassen abfedern und den betroffenen Menschen die Existenz sichern. Gleichzeitig würde es ihnen die Zeit geben, sich beruflich neu zu orientieren, zu lernen oder gemeinnützige Arbeit zu leisten.

Würde

Fragwürdige Bedingungen und schlechte Bezahlung – viele Menschen müssen das in Kauf nehmen, um sich und ihre Familie zu ernähren. Ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) würde diesen Menschen ihre Würde zurückgeben. Sie könnten wieder selbstbestimmt leben und arbeiten, da sie sich nicht mehr machtlos den bestehenden Strukturen unterordnen müssten. Das ist nicht beschränkt auf Menschen in unwürdigen Arbeitsverhältnissen, sondern alle Arbeitnehmer:innen würden davon profitieren: Indem sie  mehr Verhandlungsmacht im Umgang mit Arbeitgeber:innen hätten, könnten sie besser für sich und ihre Bedürfnisse einstehen.

Für diesen Beitrag habe ich ein Interview mit Britta geführt. Sie hatte das Glück, im November 2018 in der Mein Grundeinkommen-Lotterie zu gewinnen. Zurückblickend auf das vergangene Jahr bestätigt sie:

„Das Grundeinkommen hat mir die Freiheit gegeben, mir die Jobs zu suchen (und auch nach meinen Wünschen mit den Arbeitgebern zu verhandeln), die ich gerne machen wollte.“

Nicht nur für Angestellte, auch für Arbeitslose und andere Bezieher:innen von Sozialhilfeleistungen wäre das BGE eine bessere Alternative. Der Grund: Menschen müssten sich nicht mehr regelmäßig für den Bezug der staatlichen Leistungen rechtfertigen und sich als Bittsteller oder gar „Schmarotzer“ fühlen. Das bestehende Renten- und Sozialsystem würde damit überflüssig werden.

Veränderung der Arbeitswelt hin zu „Denkarbeit“

Seit der Zeit der Industrialisierung hat sich unsere Arbeitswelt grundlegend geändert. Gleichzeitig hat die Art, wie wir Arbeit organisieren, das dringend benötigte Update jedoch noch nicht bekommen: Sie beruht noch immer auf der maximal möglichen Ausbeutung von Arbeitnehmer:innen. Während das in prekären und schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen besonders deutlich wird, ist das zugrunde liegende System auch in Startups und Konzernen präsent: Kicker, Obstkörbe und der Getränkekühlschrank stehen dort selten aus Nächstenliebe, sondern um die Produktivität der Arbeitnehmer:innen zu erhöhen und sie bei Stange zu halten. Doch egal, wie viele Meditationskurse Unternehmen bezahlen: Der Leistungs- und Zeitdruck in unserer Gesellschaft steigt.

Während der Zeit der Industrialisierung wurden Menschen für Aufgaben benutzt, die heute von Robotern erledigt werden. Das waren meist wenig komplexe Aufgaben, die ständig wiederholt werden mussten. Heute ist unsere Arbeit oft Wissens-, Denk- oder Kreativarbeit. Niemand arbeitet in diesen Berufen acht oder mehr Stunden produktiv. Neben vier oder fünf Stunden konzentrierter Arbeit verbringen wir die Zeit im Gespräch mit Kolleg:innen in der Kaffeeküche, mit Social Media oder anderen privaten Beschäftigungen.

Das muss nicht für alle schlecht sein. Trotzdem wünschen sich immer mehr Menschen, weniger Zeit im Büro zu verbringen. Zahlreiche Experimente von Startups und Konzernen zeigen, dass Produktivität und Umsatz dabei sogar steigen. [2, 3, 4, 5] Das BGE kann eine Chance sein, die täglichen Arbeitsstunden zu reduzieren, mehr Zeit für die Familie, Freunde oder ehrenamtliches Engagement haben, und trotzdem genug Geld zum Leben zu bekommen.

Das oft vorgebrachte Argument, mit einem BGE würde niemand mehr arbeiten gehen, hat sich übrigens in Grundeinkommensexperimenten in Kanada, den USA, Namibia und Finnland nicht bestätigt. [1] Auch Micha Bohmeyer, der selbst ein BGE bezieht, sagt:

Weil ich ein Grundeinkommen beziehe, arbeite ich richtig gerne und auch besser als früher.“

Gerechtigkeit

Stell dir vor, du wirst neu geboren aber du weißt nicht, in welche Verhältnisse du hineingeboren wirst. Vielleicht bist du der Sohn einer Milliardärin, vielleicht aber auch das ungewollte Kind einer Minderjährigen aus einer armen Familie. Aus diesem Gedankenexperiment heraus wäre es sinnvoll, ein Grundeinkommen zu haben: Als Milliardärssohn könntest du weiterhin zur Uni gehen, selbst eine erfolgreiche Karriere hinlegen und noch immer sehr reich sein. Als Kind mit schlechteren Startbedingungen hingegen hättest du die Gewissheit, abgesichert zu sein. Außerdem würdest du genug Geld bekommen, um viel Zeit in eine gute Ausbildung zu investieren und es damit besser als deine Eltern zu haben. Die Chancengleichheit könnte also effektiv verbessert werden. Gleichzeitig vereint das BGE die Grundideen von Sicherheit und Freiheit. Damit geht es auf die Lebensentwürfe aller Menschen ein. [1]

Auswirkungen auf die Psyche: Innere Ruhe, bessere Beziehungen und mehr Mut

mehr Zeit für Aktivitäten mit Freunden und in der Natur mit dem bedingungslosen Grundeinkommen

Wie sehr Existenzängste unsere Psyche belasten wird deutlich, wenn man die Auswirkungen des BGE auf die mentale Gesundheit betrachtet.

Britta beispielsweise findet es „beruhigend“ und „wunderschön“ zu wissen, dass jeden Monat das Grundeinkommen auf ihr Konto fließt.

Micha Bohmeyer berichtet im Geil Montag Podcast von weiteren Erfahrungen der Gewinner:innen der Grundeinkommen-Lotterie:

Diese Menschen haben erlebt, dass das Leben intensiver wird, in den Höhen, aber auch in den Tiefen. In den ersten Monaten entdecken viele Existenzängste, von denen sie zuvor nicht wussten, dass sie sie hatten. Sie bekamen ein neues Verständnis davon, was es bedeutet für sich und ihr Leben verantwortlich zu sein und beschäftigten sich mehr mit sich selbst.

Körperliche Gesundheit

Die Gewinner:innen berichten auch von ruhigerem Schlaf und einer tiefen inneren Ruhe, die sich einstellte. Bei zwei Patient:innen verschwand die chronische Krankheit Morbus Chron und kehrte selbst heute, vier Jahre später, nicht zurück. Beim BGE-Pilotprojekt in Finnland wurde eine deutlich gestiegene Lebenszufriedenheit beobachtet, und das bei keinerlei Veränderung auf dem Arbeitsmarkt.

Beziehungen

Auch zwischenmenschliche Beziehungen verbesserten sich: Viele Menschen stellten fest, dass sie bessere Beziehungen mit ihren Partner:innen führten, sich ihr Empathievermögen gegenüber den Mitmenschen verbesserte und sie besser mit ihren Kindern umgehen.

Mut, Kreativität und Selbstbestimmung

 „Ich habe erfahren dürfen, wie viel mehr in uns steckt und raus möchte, wenn Raum, Zeit und Muße dafür da ist. Dinge, die man im „normalen“ Arbeitsalltag oft nicht hat… Das Leben kann so viel leichter und angenehmer sein, wenn für die Grundexistenz gesorgt ist“, erzählt Britta „Ich habe nach ein paar Monaten Grundeinkommen gemerkt, wie ich mutiger wurde und öfter „einfach gemacht“ habe.“

Britta, bezieht seit zehn Monaten ein bedingungsloses Grundeinkommen
Britta, glückliche Grundeinkommen-Gewinnerin
Foto:© Cora Trinkaus

Damit ist sie nicht alleine, auch viele andere werden mit dem BGE mutiger, kreativer und veränderungsbereiter. Dies wirkt sich auch auf Arbeitsverhältnisse und Partnerschaften aus, die oft von finanziellen Abhängigkeiten geprägt sind und daher nicht auf echter Entscheidungsfreiheit basieren. Wenn diese finanziellen Abhängigkeiten fehlen, können Menschen selbstbestimmter Entscheidungen treffen.

Vielleicht könnte das Grundeinkommen sogar den Rechtsruck in Deutschland entschärfen: Wenn Menschen wissen, dass ihre eigene Existenzgrundlage nicht davon beeinflusst werden kann, dass beispielsweise Geflüchtete in Deutschland aufgenommen werden, könnte das Angstentscheidungen an der Urne vermeiden.

Grundeinkommen ausprobieren!

Das bedingungslose Grundeinkommen hat unzählige Potentiale: Weniger Bürokratie, es kann eine Antwort auf wegfallende Jobs durch Digitalisierung und Automatisierung sein, aber auch auf die Veränderung der Arbeitswelt hin zu „Denkarbeit“. Das BGE kann Menschen ihre Würde zurückgeben und für bessere körperliche und mentale Gesundheit sorgen. Damit könnte es nebenbei sogar das Gesundheitssystem entlasten und zu zufriedeneren und besseren Mitarbeiter:innen führen. All das konnte bereits in Experimenten und Pilotprojekten festgestellt werden.

Noch fehlt es an Studien, die diese Auswirkungen auch wissenschaftlich belegen. Es ist also höchste Zeit, mehr solcher Experimente zu starten, Erfahrungen zu sammeln und den Prozess wissenschaftlich zu begleiten.

Auf jeden Fall sollten wir uns als Gesellschaft mit dem Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“ befassen, um etwas vom Stress und Druck aus unserer Gesellschaft zu nehmen und uns für die zukünftige Arbeitswelt zu wappnen.

Und nicht zuletzt: Um den gesellschaftlichen Wohlstand zu erhöhen. Das letzte Wort dazu hat noch einmal Britta:

„Wohlstand bedeutet für mich, dass es mir gut geht. Dass es mir an nichts fehlt. Nicht im Überfluss leben, das meine ich damit nicht. Aber dass für die wichtigen und essentiellen Dinge im Leben gesorgt ist. Dass ich gesund bin. Dass ich zufrieden bin. Dass ich keine Existenzängste habe. Dass ich „wohl“ dastehe.“


Links

Mehr über das Thema und die Umsetzung im kostenlosen Buch „Das Grundeinkommen“, herausgegeben von dm-Gründer Götz Werner: https://www.gaw.institute/images/DasGrundeinkommen.pdf

Mein Grundeinkommen: https://www.mein-grundeinkommen.de/

Britta auf Instagram: https://www.instagram.com/alltagsherzen/ und https://www.instagram.com/natur.tier.mensch/

Geil Montag Podcast: https://anchor.fm/geilmontag

Quellen

[1] Geil Montag Podcast, Episode 37: Michael Bohmeyer (Mein Grundeinkommen): Warum verschenkst Du Geld ohne Gegenleistung? https://anchor.fm/geilmontag/episodes/37-Michael-Bohmeyer-Mein-Grundeinkommen-Warum-verschenkst-Du-Geld-ohne-Gegenleistung-e85agh  

[2] Paul, K. (2019): Microsoft Japan tested a four-day work week and productivity jumped by 40%. In: The Guardian. [online] https://www.theguardian.com/technology/2019/nov/04/microsoft-japan-four-day-work-week-productivity [08.11.2019]

[3] Wunderweib (Hrsg.) (2015): Arbeitszeitreduzierung: Sind nur sechs Stunden Arbeit pro Tag möglich? [online] https://www.wunderweib.de/arbeitszeitreduzierung-sind-nur-sechs-stunden-arbeit-pro-tag-moeglich-12614.html [08.11.2019]

[4] Haufe Online (Hrsg.) (2017): Der Erfolg des 5-Stunden-Arbeitstages. [online] https://www.haufe.de/arbeitsschutz/gesundheit-umwelt/weniger-ist-mehr-der-erfolg-des-5-stunden-arbeitstages_94_428184.html [08.11.2019]

[5] Brien, J. (2016): Diese Firma führte den 5-Stunden-Tag ein und die Mitarbeiter verdienen jetzt doppelt so viel. In: t3n. [online] https://t3n.de/news/firma-5-stunden-tag-mitarbeiter-742674/ [08.11.2019]