Kranke Erde, kranke Psyche

Wie der Klimawandel Depressionen, Angststörungen und Morde verursacht

Schon heute leiden 7,2% der Weltbevölkerung an Depressionen oder Angststörungen. Noch Besorgnis erregender sind die Zahlen, wenn man alle psychischen Störungen und Suchtkrankheiten betrachtet: 2017 litten 17 % der US-Amerikaner:innen, 18 % der Australier:innen und 15 % der Deutschen an einer psychischen Störung oder einer Suchtkrankheit. [5]

Diese Zahlen könnten durch den Klimawandel noch einmal stark steigen, wie ein Bericht der American Psychological Association (APA) zeigt.

Wissenschaftler:innen forschen seit langem mittels Beobachtungen, Laborexperimenten und Umfragen zu den Auswirkungen des Klimawandels auf den menschlichen Körper. Die Ergebnisse zeigen: Extremwetterereignisse wie Hitzewellen, Fluten und Hurrikans gefährden nicht nur die körperliche, sondern auch die psychische Gesundheit enorm. Das Umweltbundesamt (UBA) schreibt gar, der Klimawandel zeige „aus psychologischer Perspektive gewisse Gemeinsamkeiten mit anderen Risikodomänen wie atomaren Bedrohungen, Terrorismus und nicht klimawandelbedingten Naturkatastrophen.“ [1]

Der Klimawandel ist die vielleicht größte globale Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts [1], und das nicht nur auf der körperlichen Ebene: Extremwetterereignisse können Depressionen, Angst- und Panikstörungen und PTBS verursachen, Hitze erhöht das Aggressions- und Gewaltpotential, Migration kann psychische Probleme verursachen, Veränderungen in der Umwelt können Heimweh verursachen und schon drohende Veränderungen der Umwelt verursachen Angst.

(1) Extremwetterereignisse können Depressionen, Angst- und Panikstörungen und PTBS verursachen

Naturkatastrophen stellen das Leben von Menschen und ihren Familien in Sekundenschnelle auf den Kopf: Eben noch beim gemeinsamen Abendessen, wenige Momente haben Wassermassen das Haus zerstört, Familienmitglieder verletzt oder sogar getötet, die Existenz und die Zukunft zerstört.

In den Monaten nach dem Hurrikan Katrina in den USA litt die Hälfte aller betroffenen Menschen an einer Depression, einer Angst- oder Panikstörung. Jede sechste Person zeigte Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und auch Selbstmord oder Selbstmordgedanken wurden mehr als doppelt so häufig wie vor dem Ereignis beobachtet. Und diese Zahlen sind kein Einzelfall: Unter den Opfern der Flut 2013/14 in Großbritannien konnten Beobachtungen in einer ähnlichen Größenordnung gemacht werden. [2]

Depressionen

Hierbei sind insbesondere Kinder gefährdet: PTBS und Depressionen treten bei Kindern nach traumatischen oder stressigen Erfahrungen wie beispielsweise Naturkatastrophen häufiger und stärker auf als bei Erwachsenen. [2]

Einige Menschen sind aufgrund ihres Berufs oder ihrer Kultur besonders von steigenden Temperaturen und den damit einhergehenden psychischen Folgen betroffen. So wurden beispielsweise bei australischen Farmern und den Inuit in Kanada steigende Suizidraten, Hoffnungslosigkeit und Suchtkrankheiten beobachtet. Die Gründe dafür sind vielfältig und lassen sich nicht isoliert voneinander betrachten. Zum einen erfahren diese Menschen schon jetzt, was es bedeutet, die Lebensgrundlage durch eine sich wandelnde Ökologie zu verlieren. Laut Einschätzungen von Forscher:innen werden die psychischen Probleme allerdings nicht nur durch Existenzängste verursacht: Gerade Menschen und Gemeinschaften, die stark in Einklang mit der Natur leben, können einen Identitätsverlust erfahren, wenn die gewöhnte Umgebung sind äußerlich ändert und damit auch den Alltag auf den Kopf stellt (mehr dazu in Teil 4: Solastalgie). [2]

Auch zahlreiche andere Studien konnten Zusammenhänge zwischen psychischen Problemen und dem Klimawandel zeigen: So wird etwa heißer Wind, wie er durch den Klimawandel häufiger auftreten könnte, mit vermehrtem Auftreten von Panikattacken assoziiert. [1] Steigende Durchschnittstemperaturen wurden mit einer vermehrten Nachfrage nach Notfallhilfe für psychische Probleme in Verbindung gebracht. [8] Und manche Studien berichten sogar von einer Zunahme von Suiziden bei höheren Temperaturen, dieser Zusammenhang ist jedoch nicht eindeutig gesichert. [1]

(2) Hitze erhöht das Aggressions- und Gewaltpotential

Wer während der Rekordtemperaturen im vergangenen Sommer im Straßenverkehr unterwegs war, hat es vielleicht schon bei anderen oder sich selbst festgestellt: Eine Erhöhung der Temperatur geht mit steigendem Aggressionspotential einher. [2]

Der Grund: Hitze kann negative Auswirkungen auf die kognitiven Funktionen haben. Dies könnte die Fähigkeit beeinträchtigen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. [2]

Außerdem führt Hitze zu einer starken Aktivierung des zentralen Nervensystems. Dadurch nehmen Aufmerksamkeit und Selbstregulierung ab, während negative und feindselige Gedanken zunehmen.  [2, 6] Wir sind also schneller genervt von anderen und verlieren die Kontrolle über diese Gefühle. Mit weitreichenden Folgen:

247 zusätzliche Morde und 2.022 Vergewaltigung jährlich

Der Politikwissenschaftler Matthew Ranson prognostiziert für die USA in diesem Jahrhundert 22.000 zusätzliche Morde, 180.000 Vergewaltigungen und 1.2 Millionen Fälle von schwerer Körperverletzung als Folge des Klimawandels. [3, 4] Wenn diese Berechnungen stimmen, werden also jedes Jahr 247 Menschen zusätzlich umgebracht, 2.022 Menschen vergewaltigt und 13.483 Menschen schwer verletzt.

(3) Migration verursacht psychische Probleme

Extreme Temperaturen und Dürren führen dazu, dass manche Gebiete der Erde in Zukunft nicht mehr bewohnbar sein werden. Forscher prognostizieren, dass schon in den nächsten 30 Jahren 200 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen. [2] Zum Vergleich: Während der „Flüchtlingskrise“ 2015/2016 gingen in Deutschland insgesamt 1,2 Millionen Asylanträge ein. [7]

Migration

Zum Vergleich: Während der „Flüchtlingskrise“ 2015/2016 gingen in Deutschland insgesamt 1,2 Millionen Asylanträge ein. [7]

Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, sind besonders anfällig für psychische Probleme. Der Grund liegt in einem Zusammenspiel aus zahlreichen Stressoren, die mit einer Flucht einhergehen, wie beispielsweise dem Verlust des Zugehörigkeitsgefühls.[2] Hinzu kommen Traumata durch Naturkatastrophen, der Verlust der Heimat und des sozialen Netzes, der schwierige Start in einem neuen Land mit einer fremden Kultur.

(4) Veränderungen in der Umwelt führen zu einem Gefühl von Heimweh in der eigenen Heimat

Neben Umsiedlung können auch starke Veränderungen der eigenen sozialen Umgebung zu depressiven Symptomen führen. Dies wird als Solastagie bezeichnet und ähnelt starkem Heimweh. Wenn die gewohnte Umgebung sich stark verändert, kann ein Gefühl der Machtlosigkeit und damit eine Bedrohung der eigenen Identität und des Kontroll- oder Zugehörigkeitsgefühls entstehen.[1]

“We are people of the sea ice. If there’s no more sea ice, how can we be people of the sea ice?”

Kanadischer Inuit

Dies wurde bereits bei den Inuit in Kanada beobachtet, so erklärte ein Jäger: “Wenn eine Art zu leben weggenommen wird, aufgrund von Umständen, die man nicht kontrollieren kann, dann verliert man die Kontrolle über einen Teil seines Lebens.“ Ein anderer Bewohner der Region macht deutlich, wie sehr die Identität der Inuit an ihrer Umwelt hängt: ”We are people of the sea ice. If there’s no more sea ice, how can we be people of the sea ice?” [2]

Solastalgie tritt auch heute schon in Deutschland auf, so wurden Fälle unter anderen in Kohleabbauregionen bekannt. [1]

(5) Schon drohende Veränderungen der Umwelt verursachen Angst

Auch in Ländern, in denen sich der Klimawandel bisher noch nicht oder nur wenig zeigt, sind bereits psychische Folgen sichtbar: Therapeuten berichten von einer zunehmenden Anzahl an Patientinnen und Patienten, die Angst aufgrund von drohenden Veränderungen der Umwelt verspüren. Diese sogenannte Öko-Angst („eco-anxiety“) bezieht sich oft auf den Klimawandel. [1]

Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit

Diese psychischen Probleme können auch die physische Gesundheit gefährden, beispielsweise durch veränderte Schlaf-, Essens- oder Sportgewohnheiten oder durch eine Verschlechterung des Immunsystems. Um dem vorzubeugen, empfiehlt die APA-Forschungsgruppe Bewegung. Zu Fuß gehen, Radfahren und Zeit im Grünen zu verbringen führen erwiesenermaßen zu einer signifikanten Reduktion des Stresspegels. [2]

Wachstum reduzieren und nachhaltig wirtschaften!

Depressionen, Angst- und Panikstörungen, Aggressionen und Gewalt – Die Verhinderung eines fortschreitenden Klimawandels ist nicht nur notwendig, um unser Überleben zu sichern, sondern auch, um die sowieso schon enormen Zahlen psychischer Krankheiten nicht noch weiter steigen zu lassen.

Eine Begrenzung des Wachstums und eine nachhaltige Art zu wirtschaften kann nicht nur den Klimawandel aufhalten, sondern auch den gesellschaftlichen Leistungsdruck und Stress reduzieren und damit für einen Rückgang psychischer Krankheiten sorgen.


Quellen

[1] Bunz, M., & Mücke, H. G. (2017): Klimawandel–physische und psychische Folgen. Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz, 60(6), 632-639.

[2] Clayton, S., Manning, C., Krygsman, K., & Speiser, M. (2017): Mental health and our changing climate: impacts, implications, and guidance. Washington, DC: American Psychological Association and ecoAmerica.

[3] Hauschild, Jana (2018): Wie der Klimawandel auf die Psyche schlägt. In: Süddeutsche Zeitung. URL: https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/gesundheit-wie-der-klimawandel-auf-die-psyche-schlaegt-1.3954595-0 [14.10.19].

[4] Ranson, M. (2014): Crime, weather, and climate change. Journal of environmental economics and management, 67(3), 274-302.

[5] Ritchie, H. & Roser, M. (2018): Mental Health. In: Our World in Data [online] https://ourworldindata.org/mental-health [16.10.19].

[6] Skibbe, X (o.J.): Arousal, in: DocCheck [online] https://flexikon.doccheck.com/de/Arousal [17.10.2019].

[7] Statista (Hrsg.) (2019): Asylanträge in Deutschland – Jahreswerte bis 2019 [online] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/76095/umfrage/asylantraege-insgesamt-in-deutschland-seit-1995/ [17.10.2019].

[8] Vida, S., Durocher, M., Ouarda, T. B., & Gosselin, P. (2012): Relationship between ambient temperature and humidity and visits to mental health emergency departments in Québec. Psychiatric Services, 63(11), 1150-1153.