Verantwortungseigentum: Wie sich Nachhaltigkeit in die DNA von Unternehmen schreiben lässt

Das Kino International in Berlin an einem Dienstagabend im November: Alle Plätze des ehemaligen DDR-Premierenkinos in der Karl-Marx-Allee sind besetzt, vor allem junge Leute sind gekommen.

Doch die 500 Menschen sind nicht hier, um einen neuen Blockbuster zu sehen. „Rethink ownership – Transform the economy” steht vor Beginn der Veranstaltung auf der Leinwand – die Gäste wollen sich über „Verantwortungseigentum“ informieren.

So sperrig dieser Begriff klingt, so spannend ist das, was dahintersteckt: Eine alternative Art, Eigentum an Firmen zu denken. Und womöglich ein Weg, Nachhaltigkeit und die Mission des Unternehmens in dessen DNA zu schreiben.

Verantwortungseigentum

Denn das Konzept des Verantwortungseigentums verspricht vor allem zwei Dinge:

Erstens sollen Menschen im Unternehmen entscheiden, wo es in Zukunft hingeht, nicht die Investoren am anderen Ende der Welt. Der Zweck des Unternehmens wird bei der Gründung festgelegt und kann nicht durch einen Eigentümerwechsel geändert werden.

Zweitens werden Gewinne als Mittel betrachtet, in die Zukunft des Unternehmens zu investieren oder für gemeinnützige Zwecke zu spenden, statt in die Taschen des Eigentümers zu fließen.

Mit diesen Prinzipien soll sichergestellt werden, dass das Unternehmen wirklich dem Zweck dient, zu dem es angetreten ist. Während klassische Kapitalgesellschaften Produkte und Dienstleistungen als Mittel zum Zweck der Gewinnmaximierung verkaufen, verhält es sich beim Verantwortungseigentum umgekehrt: Gewinne sind nur noch Mittel, um das eigentliche Unternehmensziel zu erreichen.

Doch wie genau sieht ein solches Modell aus und wieso braucht Deutschland dafür eine neue Rechtsform?

Die Säulen des Verantwortungseigentums: Selbstbestimmung und Vermögensbindung

Der Hype um Startups hält an, unter den 18 – 29-Jährigen Deutschen kann sich fast jede:r zweite vorstellen, ein Unternehmen zu gründen. [2]

Doch das Startup-Konzept hat seine Tücken: Gerade Technologie-getriebene Startups benötigen viel Kapital für Forschung und Entwicklung. Dieses Geld bekommen sie nicht umsonst, Kapitalgeber:innen bekommen üblicherweise Stimmrechte im Austausch für ihr Investment. Damit können sie massiven Druck auf „ihre“ Startups ausüben. Je schneller und steiler das Startup wächst, desto besser. Allerdings nur für den Investor: Unter Zeit- oder Leistungsdruck treffen Gründer:innen keine nachhaltigen Entscheidungen, weder ökonomisch, noch ökologisch oder gesellschaftlich.

Bei den Konzernen sieht es nicht anders aus. Die größten deutschen Unternehmen sind überwiegend in Besitz institutioneller Investoren, so gehört die Allianz SE zu über 80 % institutionellen Investoren, fast 70 % der Investor:innen sitzen im Ausland. [1]

Ein großer Anteil des Jahresüberschusses fließt bei diesen Unternehmen an die Aktionäre und steht damit nicht zur Verfügung, um ins Unternehmen investiert zu werden oder um Mitarbeiter:innen am Gewinn zu beteiligen.

Auch die Siemens AG gehört zu 73 % institutionellen und nicht identifizierbaren Anlegern. Nur jede fünfte Aktie gehört privaten Anlegern, zu denen auch Mitarbeiter:innen gehören. [11]

Mit jeder Aktie werden Stimmrechte aus dem Unternehmen abgegeben und an Externe verkauft. Damit können Privatpersonen und Institutionen die Entscheidungen über Unternehmen treffen, in denen andere Menschen den Großteil ihres Tages verbringen, um es voranzubringen. Die Verantwortung über die Zukunft des Unternehmens wird Menschen überlassen, die dem Unternehmen nur über ihr Bankkonto verbunden sind.

Für die Anteilseigner bestehen große Anreize, Entscheidungen zu treffen, die den eigenen Gewinn erhöhen, aber nicht zwangsläufig zum langfristigen Wohl des Unternehmens und der Mitarbeiter:innen beitragen.

Unternehmen, vom Startup bis hin zur AG, stehen also unter massivem Druck, Gewinne zu erhöhen für Menschen und Institutionen, die nicht Teil des Unternehmens sind.

Was wäre, wenn die Menschen, die tatsächlich jeden Tag ihre Energie, Zeit und Vision in Unternehmen stecken, auch bestimmen würden, wo es mit dem Unternehmen hingeht? Wenn die Gewinne in das Unternehmen reinvestiert oder für das Gemeinwohl gespendet würden?

Genau diese beiden Ideen stecken hinter dem Konzept des Verantwortungseigentums: Hier bleibt die Mehrheit der Stimmrechte im Unternehmen, das Unternehmen ist also selbstbestimmt. Außerdem wird die Mehrheit der Gewinne reinvestiert oder gespendet, das Vermögen ist also im Unternehmen gebunden. [10]

Wie kann die Umsetzung des Verantwortungseigentums aussehen?

Um diese Frage zu beantworten, ist Armin Steuernagel angetreten. Der 29-Jährige hat bereits zwei Unternehmen gegründet. Eines davon, MOGLi, produziert Bio-Produkte für Kinder und ist heute in 40 Ländern weltweit vertreten. [6]

Ein Schlüsselmoment für Armin war der Tag, als eine MOGLi-Mitarbeiterin ihn fragte:

„Armin, du sagst uns immer, wir arbeiten für die Kinder. Aber stimmt das eigentlich? Arbeiten wir wirklich dafür oder arbeiten wir nicht eigentlich für dich? Du kannst doch jederzeit das Unternehmen verkaufen. Jede E-Mail die ich schreibe, steigert doch eigentlich dein Privatvermögen.“

Mit der Erkenntnis, dass die Mitarbeiterin Recht hatte, gründete Armin im Jahr 2015 die Purpose Stiftung. [4] Mit Purpose berät er Unternehmen auf ihrem Weg zum Verantwortungseigentum, außerdem begleitet und ermöglicht die Stiftung die Transformation hin zur „self-owned company“. [9]

Diese Arbeit ist notwendig, denn in Deutschland gibt es bisher noch keine offizielle Rechtsform für sich selbst gehörende Unternehmen. Deshalb müssen „Purpose-Unternehmen“ sich einiger Workarounds verhelfen. Was alle daraus resultierenden Unternehmensstrukturen gemeinsam haben: Stimm- und Gewinnbezugsrechte sind stets voneinander getrennt und ein Verkauf des Unternehmens wird unmöglich.

Im Folgenden werden drei Modelle kurz vorgestellt.

Veto-Anteil-Modell, Einzelstiftungsmodell und Doppelstiftungsmodell

Ein mögliches Modell, um Verantwortungseigentum umzusetzen, ist das sogenannte „Veto-Anteil-Modell“:

Das Veto-Anteil-Modell, Informationen aus [8]

Wie bei allen Modellen des Verantwortungseigentums erfolgt eine Trennung zwischen Anteilen, die Stimmrechte beinhalten und solchen, die Dividendenrechte beinhalten. Die Stimmrechtsanteile können nur an fähige Nachfolger:innen oder Mitarbeiter:innen übertragen werden, die sich den Unternehmenswerten verpflichtet fühlen. Ein Verkauf oder die Vererbung der Anteile ist nicht möglich. Die Purpose-Stiftung hält in diesem Modell 1 % der Stimmrechte als „Veto-Anteil“. Damit ist die Stiftung dafür verantwortlich, dem Verkauf des Unternehmens und solchen Entscheidungen zu widersprechen, die die Trennung von Stimm- und Gewinnbezugsrechten gefährden. [8]

Das Veto-Anteil-Modell wird u.a. von der Bäume-pflanzenden Suchmaschine Ecosia verwendet.

Ein weiteres Modell, ein Unternehmen ins Verantwortungseigentum zu überführen, ist das Einzelstiftungsmodell. Hier besitzt eine Stiftung alle Gewinn- und Stimmrechte des Unternehmens. Zwei verschiedene Gremien kontrollieren hier getrennt voneinander die beiden Anteilsklassen. Dieses Modell ist in Dänemark sehr verbreitet, dort sind bereits 60 % des Wertes des Börsenindexes im Verantwortungseigentum. [5] In Deutschland sind bekannte Vertreter des Einzelstiftungsmodell der dm-Drogerie-Markt und das Optik-Unternehmen Zeiss. [8]

Auch das Doppelstiftungsmodell wird in Deutschland bereits von namhaften Unternehmen verwendet, so beispielsweise von den Maschinenbau-Unternehmen Bosch und Mahle. Hier hält eine gemeinnützige Stiftung, eine gGmbh oder ein Verein die Dividendenrechte, während die Stimmrechte von einem Treuhandeigentümer gehalten werden. Dieser Eigentümer kann beispielsweise eine Stiftung, ein Verein oder eine KG sein. Die Voraussetzung ist hier die Verbundenheit zum Unternehmen, so können beispielsweise aktuelle oder ehemalige Geschäftsführer Stimmrechte erhalten. [8]

Zweck dieser Modelle

Allen Modellen ist gemeinsam, dass das Eigentum nur durch Werte- oder Fähigkeitsverwandtschaft übertragen werden kann. Damit kann das Unternehmen also weder vererbt noch verkauft werden, der oft von Startups angestrebte Exit wird unmöglich. Unternehmen können so glaubhaft zeigen, dass sie tatsächlich hinter ihrer Mission stehen und diese nicht nur als Mittel zum Zweck sehen, schnell Millionen anzuhäufen.

Außerdem erfolgt bei allen Modellen eine Trennung zwischen Stimm- und Dividendenrechten. So werden Entscheidungen von finanziellen Anreizen entkoppelt und damit nachhaltige Entscheidungen im Sinne des Unternehmens und dessen Zwecks ermöglicht. Gewinne werden so ein Mittel zum Erreichen der Unternehmensziele, sie können in das Unternehmen reinvestiert oder gespendet werden.

Genossenschaften sind übrigens keine Alternative für Verantwortungseigentum: Das Vermögen der Genossenschaft ist zwar auf die Genossen verteilt, doch es ist nicht im Unternehmen gebunden. Damit könnten sich die Genossen gemeinsam dazu entscheiden, die Genossenschaft mit allen Vermögenswerten zu verkaufen. Gerade bei Bank- oder Wohnungsbaugenossenschaften hätte eine solche Entscheidung weitreichende Folgen für alle Beteiligten. Oder wie Armin es im Kino International ausdrückt: „Then you have a wolf pack instead of one wolf”.

Wieso Verantwortungseigentum aus ökonomischer Sicht sinnvoll ist

Das Marktforschungsinstitut Gallup fand in einer repräsentativen Befragung von 1.000 Arbeitnehmer:innen in Deutschland heraus, dass 85 % der Befragten eine geringe oder keine emotionale Bindung zu ihrem Unternehmen haben. Viele haben sogar schon innerlich gekündigt, mit hohen Folgen für die Volkswirtschaft: Der Schaden beläuft sich laut Gallup auf bis zu 103 Milliarden Euro Schaden jährlich. [3]

Dass Unternehmen im Verantwortungseigentum in diesen Statistiken vermutlich selten auftauchen, zeigen erste Forschungsergebnisse aus Dänemark: Dort wurde eine 40 % niedrigere Fluktuation bei Führungskräften beobachtet sowie eine sechsmal höhere Überlebenswahrscheinlichkeit des Unternehmens nach 40 Jahren, jeweils verglichen mit Unternehmen unter Shareholder-Kontrolle. [5, 7, 8]

Überlebenswahrscheinlichkeit von Unternehmen im Besitz von Stiftungen (in blau) vs. Unternehmen in Besitz von anderen (rot)

Das Konzept des Verantwortungseigentums ist jedoch nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht, sondern auch gesellschaftlich und ökologisch sinnvoll: Sowohl Kunden als auch Mitarbeiter:innen sind Unabhängigkeit, Sinnorientierung und das Versprechen, langfristig zu handeln, zunehmend wichtiger. [7] Unternehmen im Verantwortungseigentum zeigen, dass sie voll und ganz hinter ihrer Mission stehen und bringen damit der Gesellschaft und, je nach Geschäftsfeld, auch der Umwelt einen klaren Mehrwert.

Damit ist das Modell des Verantwortungseigentums die Grundlage für nachhaltige Unternehmen, die langfristig Gewinne erwirtschaften, einen gesellschaftlichen Mehrwert bieten und einen Beitrag zum Klimaproblem leisten können.

Und jetzt?

Was jetzt noch fehlt? Die Gesetzgebung. Zwar kann die Purpose Stiftung Unternehmer:innen dabei unterstützen, ihre Firma ins Verantwortungseigentum zu überführen, doch eine anerkannte eigene Rechtsform gibt es noch nicht.

Die notwendige Energie, das zu ändern, ist da – das wird deutlich, wenn man die Aktivitäten der Purpose Stiftung und des Netzwerks um sie herum beobachtet. So fand vor kurzem schon das zweite Treffen innerhalb weniger Wochen mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier statt. Das Ziel: Verantwortungseigentum als eigene Rechtsform.

Was der Abend im Kino International gezeigt hat: Der Weg hin zu einer eigenen Rechtsform für Verantwortungseigentum ist noch lang, aber immer mehr Unternehmerinnen und Unternehmer sind schon unterwegs. Auf dem Weg der Transformation hin zu einer nachhaltigen Art, zu wirtschaften.


Literatur

[1] Allianz SE (2019): Aktionärsstruktur. [online] https://www.allianz.com/de/investor_relations/share/shareholder-structure.html [30.11.2019]

[2] Bundesverband Deutsche Startups e.V. (Hrsg.) (2018): Gründungsspiegel zeigt: Ein Drittel aller Deutschen kann sich vorstellen, selbst ein Unternehmen zu gründen [online] https://deutschestartups.org/2018/11/06/gruendungsspiegel-zeigt-ein-drittel-aller-deutschen-kann-sich-vorstellen-ein-unternehmen-zu-gruenden/ [29.11.2019]

[3] Gallup (Hrsg.) (2019): Pressemitteilung zum Engagement Index 2018. [online] https://www.gallup.de/file/245471/Pressemeldung_Gallup_Engagement_Index_2018.pdf [29.11.2019]

[4] Geil Montag Podcast (2019): Armin Steuernagel (Purpose) Wie schafft man ein Unternehmen, dass sich selbst gehört? https://anchor.fm/geilmontag/episodes/Armin-Steuernagel-Purpose-Wie-schafft-man-ein-Unternehmen–das-sich-selbst-gehrt-e3lc9u

[5] Steuernagel, Armin (2019): Deutschland muss Verantwortungseigentum fördern. In: 1BusinessWorld. [online] https://1businessworld.com/2019/09/business-news-germany/25042578-html-2/ [30.11.2019]

[6] Purpose Network gGmbh (2018): Armin Steuernagel. [online] https://eigentumskonferenz.de/speaker/armin-steuernagel/ [30.11.2019]

[7] Purpose Stiftung (2019: Verantwortungseigentum. In: Medium. [online] https://medium.com/@purpose_network/verantwortungseigentum-8609bd04c4a1 [30.11.2019]

[8] Purpose Stiftung (Hrsg.) (2019): Verantwortungseigentum. Unternehmenseigentum für das 21. Jahrhundert. [online] https://purpose-economy.org/content/uploads/purpose_book_de.pdf [30.11.2019]

[9] Purpose Ventures eG (o.J.): Über uns. [online] https://purpose-economy.org/de/who-we-are/ [30.11.2019]

[10] Purpose Ventures eG (o.J.): Verantwortungseigentum. [online] https://purpose-economy.org/de/whats-steward-ownership/ [30.11.2019]

[11] Siemens AG (2019): Aktionärsstruktur. [online] https://new.siemens.com/global/de/unternehmen/investor-relations/aktie-anleihen-rating/aktionaersstruktur-stimmrechtsmitteilungen.html [30.11.2019]