Warum wir Wohlstand neu denken müssen

Eines vorweg: Dieser Text wird mehr Fragen aufwerfen, als er beantwortet. Er soll einen Überblick geben über die Themen dieses Blogs und die vielleicht dringendsten Fragestellungen unserer Zeit:

Die Klimakrise, eine immer größer werdende Schere zwischen arm und reich, sich jährlich übertreffende Rekorde bei der Zahl psychisch kranker Kinder, Jugendlicher und Erwachsener. Das sind nur wenige der Folgen eines blinden Glaubens an unendliches Wachstum in einer Welt mit endlichen Ressourcen.

Die „Degrowth“-Bewegung hat eine Antwort darauf: Weniger Konsum und Produktion. Dadurch sollen mehr soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Wohlbefinden erreicht werden. [1]

Effizienz ist nicht genug

Die Degrowth-Bewegung hat sich um das Konzept der Postwachstumsökonomie herum entwickelt. Die Kernidee: Es reicht nicht aus, Wirtschaft und Technologie immer effizienter zu gestalten, also immer weniger Material, Rohstoffe oder Energie für den gleichen Output zu verbrauchen. Wir müssen auch weniger konsumieren und produzieren.

Der Grund: Die Ressourcen, die an der einen Stelle eingespart werden, werden an anderer Stelle umso intensiver verbraucht. Ein Beispiel dafür ist der Automarkt: Während die Motoren immer effizienter werden und bei gleicher Größe weniger Treibstoff verbrauchen, werden die Autos und damit die Motoren immer größer. In Summe wird also mehr CO2 ausgestoßen, obwohl eine deutliche Reduktion technisch möglich wäre.

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir uns zurück in die Steinzeit katapultieren müssen, ganz im Gegenteil.

Mehr Wohlstand durch weniger Konsum

Durch eine Balance aus Selbst- und Fremdversorgung können wir den materiellen Wohlstand erhalten[2], während der immaterielle Wohlstand steigt!

Wie das funktionieren kann:

Wir können Nachbarschaftsbörsen oder Verleihunternehmen nutzen, um uns Dinge zu leihen, und damit Gebrauchsgegenstände gemeinschaftlich nutzen.
Wir lernen, Geräte instand zu halten und zu reparieren und brauchen damit seltener neue Dinge.
Und wir produzieren mehr Selbst, beispielsweise indem wir Gemeinschaftsgärten bauen oder Möbel aus vermeintlichem Schrott selbst herstellen.

Heute fehlt den meisten von uns die Zeit dafür, Gegenstände abzuholen, zu reparieren oder gar selbst herzustellen.

Angesichts der fortschreitenden Automatisierung in nahezu allen Branchen scheint es aber nicht nur möglich, sondern sogar notwendig, die Arbeitszeit zu reduzieren. Wenn beispielsweise nur noch 20 Stunden der Woche für Erwerbsarbeit genutzt würden, werden 20 Stunden frei für Eigenproduktion, die Familie und so viel mehr!

Die verbleibende Ökonomie wird soweit möglich regionalisiert. Produkte, die weiterhin in globaler Arbeitsteilung entstehen, werden so effizient wie möglich hergestellt und durch ein entsprechendes Design langlebig gestaltet. [3]

Durch diese Maßnahmen kann gewährleistet werden, dass wir weiterhin ausreichend materiellen Wohlstand haben.

Doch die Grundlage dafür, das System entsprechend zu ändern und nachhaltig zu gestalten, liegt wie so oft in unseren Köpfen: Wir als Gesellschaft müssen es wirklich wollen.

Aber wieso sollten wir ein System wollen, in dem wir Gegenstände mit anderen teilen müssen, die Bequemlichkeit des Neukaufs für langwierige Reparaturen aufgeben sollen und nicht mehr alles, was wir brauchen oder wollen, einfach im Supermarkt kaufen?

Weil diese Suffizienz (von lat. sufficere, dt. ausreichen) uns frei und glücklich machen kann.

Glücklich durch Entschleunigung und Genügsamkeit

Es ist kein Zufall, dass gerade jetzt der Minimalismus-Trend auf dem Vormarsch ist. Wir fühlen uns überfordert und überladen, zu viele Möglichkeiten, zu viele Entscheidungen, zu viele Reize. Die Welt wird immer komplexer und unübersichtlicher und das hinterlässt Spuren: Unser Kopf kommt nicht mehr zur Ruhe, immer gibt es noch etwas zu tun, zu lesen, zu machen. Auf dem Smartphone warten fünf neue Whatsapp-Nachrichten, eine neue Push-Nachricht vom Nachrichtenmagazin, zwei verpasste Anrufe, unzählbare neue Insta-Stories.

Der Preis für den nie gesättigten Hunger nach mehr Effizienz, nach mehr Möglichkeiten, nach mehr Wohlstand.

Doch was bedeutet Wohlstand überhaupt für uns? Jetzt, da wir zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte nicht mehr hungern müssen, wenn wir wollten sogar alle 7,7 Milliarden Menschen auf dem Planeten mit Essen versorgen könnten, ist es jetzt nicht an der Zeit, Wohlstand neu zu denken?

Mann mit Rucksack steht am Fluss und guckt in die fernen Berge. (Symbolbild für Glück durch weniger Konsum)

Wie es sich als anständiger Millennial gehört, war ich nach dem Abi reisen, 10 Monate, nur mein Rucksack und ich unterwegs in Europa, Südostasien und Neuseeland. Nie war ich glücklicher als in dieser Zeit, in der ich alles Notwendige auf meinem Rücken trug. Zurückgekehrt bin ich mit einem leeren Konto, aber mit unendlichem Reichtum: Reichtum an Erfahrungen, an Geschichten, an Freunden. Noch heute, 6 Jahre später, zerre ich von dieser Zeit.

Doch nie werde ich das Gefühl vergessen, das mich überkam, als ich zurück in Deutschland meinen Rucksack auspackte: Obwohl ich den schweren Rucksack ablegen konnte, fühlte sich die Last auf meinen Schultern viel schwerer als zuvor an, als ich mein Hab und Gut von 1 m3 wieder auf 12 m2 zu verteilte. Es war, als würde ich gerade meine Freiheit aufgeben, das Gefühl, mir selbst genug zu sein mit den wenigen Gegenständen, die ich bei mir trug.  

Und heute? Muss ich regelmäßig meine Schränke neu sortieren, weil all das, was sich über die Jahre angesammelt hat, sonst keinen Platz mehr hat. Rate ich aus, weil ich mal wieder etwas nicht finde. Obwohl ich auch heute jederzeit wieder mit einem Rucksack losziehen könnte und alles hätte, was ich brauche.

Denn was mich glücklich und gesund macht, sind Zeit für mich, für Freunde und Familie, sind tolle Gespräche, neue Erlebnisse und Abenteuer.

Was bedeuten also ein gutes Leben, Glück und Wohlstand für uns im Jahr 2019?


[1] Industrie- und Handelskammer Nürnberg für Mittelfranken (Hrsg) (2015): Postwachsum und Degrowth. URL: https://www.nachhaltigkeit.info/artikel/degrowth_1849.htm [10.10.2019].

[2] Paech, N. (2012): Vom grünen Feigenblatt zur Postwachstumsökonomie. Ökologisches Wirtschaften-Fachzeitschrift, 27(4), p.17.

[3] Paech, N. (2012): Befreiung vom Überfluss: auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: oekom Verlag.